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Wenn sich die EU im Detail verliert

Interview mit Karl Heinz Dernoscheg

Ab 1. April hat die Wirtschafts-
kammer Steiermark einen neuen Direktor. Mit Karl-Heinz Dernoscheg kommt einer an Bord, der sich gut auf dem internationalen Parkett, aber auch am Heimfeld gut auskennt. „W!“ hat ihn zu Europa, der EU, aber auch zu seinen künftigen Schwerpunkten in der Kammer befragt.

Sie waren viele Jahre in Brüssel. Wie sehr wird dort die Steiermark wahrgenommen?
Österreich wird insgesamt als wirtschaftlich sehr erfolgreiches Land wahrgenommen. Die Steiermark hat sich in der Vergangenheit auf Initiative von Wirtschafts- und Europa-Landesrat Christian Buchmann einige Male sehr gut in Brüssel präsentiert. Das wurde durchaus registriert. Vor allem als Technologie- und Automobilzulieferland und wegen seiner hohen F&E Quote genießt die Steiermark einen guten Ruf in Brüssel.

Die Steirer sehen sich selbst als EU-Musterregion. Stimmen Eigen- und Fremdsicht überein?
Bei den Entscheidungsträgern verbindet man mit der Steiermark den Automotiv-Sektor, die TU Graz, Magna, AVL und andere High-tech Unternehmen. Da spielt man durchaus in der Champions League. Ob man auf der Straße das auch mit der Steiermark verbindet, glaube ich eher nicht. Aber wer kann umgekehrt bei uns rasch drei belgische Firmen aufzählen? Wichtig ist, dass die Steiermark in den Köpfen der EU-Entscheider und im Ausschuss der Regionen ihren Platz hat.

Die EU gehört nicht unbedingt zu den beliebtesten Institutionen in Österreich. Warum ist sie so unbeliebt?
So extrem unbeliebt, dass man sie verlassen würde, ist die EU, denke ich, auch wieder nicht. Wenn man die Frage nach dem Austritt stellen würde, glaube ich, ist eine Mehrheit für die EU. Was aber nicht heißt, dass es nicht Kritik gibt. Ich glaube, die allgemeine Stimmung hängt auch damit zusammen, dass Zentralstellen generell immer unbeliebt sind. Je weiter weg und je zentralistischer, desto unbeliebter sind sie. Was wurde früher nicht immer auf Wien geschimpft. Heute wird eben über die EU und „die in Brüssel“ gelästert. Ich glaube aber auch, dass die EU oft dazu benutzt wird um Dinge abzuschieben die unangenehm sind. Unbestritten ist aber auch, dass es sicher Verbesserungsbedarf in der EU gibt. Ich wünsche mir, dass die EU sich um die großen Aufgaben wie Wirtschaftsentwicklung im globalen Wettbewerb Amerika-Asien-Europa, Soziale Sicherheit, Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, insbesondere gegen die Jugendarbeitslosigkeit, Sicherheit und Außenbeziehungen, Migration etc. kümmert, und nicht so sehr um Detailfragen.

Wohin wird sich die EU entwickeln?
Ich glaube, sie muss sich jetzt einmal festigen und einen Modus finden wie die 28 Länder zu guten Entscheidungen kommen. Eine große Herausforderung ist sicher auch was vor ihren Grenzen geschieht. Die Ukraine ist da ein gutes Beispiel. Es kann der EU nicht egal sein wie es in diesem Land weitergeht. Die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik ist nur in Teilbereichen gegeben. Schließlich wird sich die EU in einigen Bereichen weiter vertiefen müssen. Dazu gehören der Sozialbereich, gemeinsame Steuern und natürlich die Wirtschaft. Sie werden sicher noch enger zu-
sammenwachsen.

Bis es die Vereinigten Staaten von Europa gibt?
Wenn man dabei an das Modell Vereinigte Staaten von Amerika denkt, ist das für mich auf längere Sicht noch keine Option. Dazu sind wir in Europa zu unterschiedlich, das Projekt EU noch zu jung und die politische Übereinstimmung noch zu schwierig zu erreichen. Wir sollten mit der Integration dort wo sie sinnvoll ist voranschreiten und nicht mit überzogenen Vorstellungen die Bürger verschrecken.

Sie treten mit 1. April eine Schlüsselstellung in der Wirtschaftskammer Steiermark an. Was haben Sie für Pläne?
Als erstes werde ich sicher viele Gespräche führen. In die Kammer hineinwachsen muss ich nicht, weil ich die Wirtschaftskammer aus früheren Zeiten her gut kenne. Viele Funktionäre und Mitarbeiterinnen kenne und schätze ich, was den Start schon sehr erleichtert. Von meinem Vorgänger, Thomas Spann, übernehme ich eine gute funktionierende, moderne Organisation und betrete ein positives Umfeld. Aber natürlich warten auch große Herausforderungen. Ich werde mich bemühen die Internationalität der Wirtschaftskammer weiter auszubauen, wir leben nun einmal von den Erfolgen auf den internationalen Märkten. Wichtig ist auch die ständige Weiterentwicklung des Bildungsangebotes. Und wir müssen weiter darum kämpfen, dass es sich lohnt Unternehmer zu werden, und dass die unter Risiko hart arbeitenden Unternehmerfamilien ein positives Umfeld vorfinden. In dem man auch entsprechend der Leistung gut verdienen kann.

Alle diese Punkte sind auch Vorgaben des Präsidiums der Wirtschaftskammer und persönliche Anliegen unseres Präsidenten Josef Herk. Die WK-Wahl 2015 wird natürlich auch eine ebenso große Herausforderung für uns alle sein. Wir werden die Unternehmer auch wieder davon überzeugen, dass die Wirtschaftskammer nicht nur ein moderner Servicebetrieb ist, sondern eine starke Interessensvertretung darstellt, die gehört wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Karl-Heinz Dernoscheg<br />

„Bei den Entscheidungsträgern verbindet man mit der Steiermark den Automotiv-Sektor, die TU Graz,
Magna, AVL und andere High-tech-Unternehmen. Da spielt man durchaus in der Champions League.“

Karl-Heinz Dernoscheg,
design. WK-Stmk. Direktor

Foto © Fischer

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