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Reiner Calmund im W!-Interview

Reiner Calmund im W!-Interview

„Österreich braucht sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen“
Reiner Calmund im W!-Interview

Er ist nicht nur gewichtig, er hat auch etwas zu sagen, ist emotional und als Sportfunktionär mehr als nur erfolgreich gewesen: Reiner „Calli“ Calmund. Der Wirtschaftsbund hat ihn nach Graz eingeladen, „W!“ nutzte die Chance und bat ihn zum Interview.

„Ich habe in meinem Leben zwei Mal Glück im Unglück gehabt“, beginnt der 65-Jährige das Gespräch. „Mit 18 hatte ich eine Sprunggelenksverletzung. Heute ist das keine große Sache, aber damals reichte es, um meine Fußballerkarriere zu beenden“, erzählt er. „Ich war zwar nicht schlecht, wäre aber sicher als Spieler nie in die Bundesliga gekommen. Als Trainer und Funktionär ist mir das aber gelungen.“ Das zweite Unglück, vor allem für seine Familie, war, dass er durch die Elektrikerprüfung gefallen ist. „Da war bei uns zu Hause Staatstrauer“, erinnert er sich. Dafür war er ein guter Rechner, hat Außenhandelskaufmann gelernt, später die Matura gemacht und schließlich BWL studiert. „Das war die Basis meines späteren Erfolges. Manchmal muss man das Glück erzwingen.“

Auf alle Fälle wurde er einer der erfolgreichsten Sportmanager Deutschlands. Seine Bilanz kann sich mehr als sehen lassen. Der 1948 geborene Calmund wirkte von 1974 bis 1976 als Co-Trainer beim SC Brühl, von 1976 bis 2004 dann bei Bayer Leverkusen. Dort war er zunächst Jugendleiter und Stadionsprecher, später Vorstandsmitglied, Manager der Profi-Abteilung und ab 1999 Geschäftsführer des Vereins. Unter Calmund wurde Bayer Leverkusen vier Mal deutscher Vizemeister und kam auch in das Champions-League-Finale. Nach seinem Abgang 2004 moderierte er auf RTL „Big Boss“. Seit 2007 ist er Jury-Mitglied der „Kocharena“ auf VOX. 2006 engagierte er sich als Botschafter für die Fußball-Weltmeisterschaft und 2008 als „Internationaler EM-Botschafter 2008 der Stadt Klagenfurt“. Im selben Jahr präsentierte Calmund erstmals seinen Videoblog „Calli.tv“. Legendär ist auch seine Aktion „Iron Calli“. Dabei wollte Calmund, trainiert von Joey Kelly, innerhalb eines Jahres dreißig Kilogramm abnehmen, was ihm auch gelang.

Bei jemandem, der so viel erreicht hat, drängt sich die Frage auf, was kann der Sport von Wirtschaft und Politik lernen, und was Politik und Wirtschaft vom Sport?
„Die drei Bereiche haben viel gemeinsam“, antwortet er. „Alle drei brauchen Kompetenz und Leidenschaft.“ Zur Kompetenz gehöre für ihn Bildung, Know-how und Erfahrung. „Ohne Leidenschaft ist das aber alles nichts. Intelligente Schlaftabletten haben keinen Erfolg“, resümiert Calli. Zur Leidenschaft gehöre für Calmund übrigens „Identifikation mit dem Job, den Kunden, den Partnern, aber auch Siegeswillen, Disziplin, Ordnung und vor allem Herzblut“. Eine weitere Ähnlichkeit zwischen Sport, Wirtschaft und Politik sieht er. „Irgendwann einmal wird abgerechnet. Dann müssen die Zahlen stimmen, also die Punkte, der Tabellenplatz, der Umsatz, Gewinn oder Wähler und Mandate.“

Wie sieht Calmund Österreich?
„Ihr seid nicht so schlecht wie ihr denkt und müsst nicht immer euer Licht unter den Scheffel stellen. Die Lufthansa, Siemens, RTL und VW haben alle Österreicher als Chefs. Red Bull ist überhaupt eine Weltmarke. Bewundernswert, was Dietrich Mateschitz da geschaffen hat.
Und dann habt ihr auch noch Arnold Schwarzenegger. Der hat einen IQ von 135 und ist ein Weltstar.“
Den österreichischen Fußball sieht er auch nicht ganz so schlecht wie viele in Österreich. „In Deutschland gibt es beinahe so viele DFB-Mitglieder (Anm. 6,8 Mio.), wie fast ganz Österreich Einwohner hat. Ihr seid nicht schlecht. David Alaba gehört zu den Top 10 der Deutschen Bundesliga, immerhin der besten Liga der Welt. Wenn ich nach Einwohnern vergleiche, dann müsste ich auch fragen ‚Wie viele Spieler aus Niedersachsen spielen in der deutschen Nationalmannschaft?‘ Dazu kommt, dass ihr andere Prioritäten habt. Im Schisport seid ihr eine Macht, da kommen wir Deutschen nur schwer heran.“

Was macht den deutschen Fußball so erfolgreich?
„Es wird hoch professionell gearbeitet. In allen Bereichen – nicht nur bei Spielern und Trainern, sondern runter bis zu Masseuren, Physiotherapeuten etc. Die Deutsche Bundesliga und der Fußball sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Liga setzt über 2 Milliarden Euro um, zahlt 800 bis 900 Millionen Steuern und beschäftigt rund 28.000 Menschen. Dazu kommt, dass wir nach der EM-Pleite 2000 die Vereine zwangen, Jugendakademien einzurichten. Dadurch wird der deutsche Fußball mit ausreichenden Talenten versorgt.“

Wie wichtig ist Motivation?
„Motivation hat man, oder man hat sie nicht. Wenn ich einen gut bezahlten Fußballer erst motivieren muss, dass er seine Arbeit macht, ist es besser, ich klebe ihm eine Briefmarke rauf und schicke ihn zurück. Auf Wiedersehen, dein Flug geht von Gate A7“, kommt Calmund in Rage. „Feuer muss da sein. Man muss brennen wie eine Fackel, darauf kann man dann aufbauen.“

Apropos Geld, wie wichtig ist es für den Fußball?
„Geld ist wichtig, schießt aber keine Tore. Aber immer öfter welche. Wichtig ist, dass in Infrastruktur, Trainer, Mannschaft etc. investiert wird. Viele haben viel Geld, aber keine guten Strukturen. Salzburg zum Beispiel müsste sich schämen, wenn Sturm auf Augenhöhe spielen würde. Jetzt ist Salzburg vorne, das bringt Selbstvertrauen. Jetzt müssten die Wiener Vereine nachziehen, um mit Salzburg mithalten zu können.“

Und Sturm?
„Sturm hat viel geschafft, mit viel kleinerem Budget als Salzburg und die Wiener Vereine“, bleibt er diplomatisch. Kann man mit 11 Weltmeistern Meister werden? „Zumindest steigt man nicht ab, man wird aber auch nicht zwingend Meister.“
Was rät der Deutsche den Österreichern? „Ihr müsst zunächst die 3 K haben: ein Konzept, Kompetenz und dann auch Kapital. Ihr müsst zudem die Nachwuchsarbeit fortsetzen und intensivieren und noch mehr Nachwuchszentren bauen. Dann werdet ihr gute Spieler bekommen. Die österreichischen Clubs müssen sich an Salzburg orientieren, und arbeiten, arbeiten, arbeiten. Ohne Arbeit geht es nicht.“ Damit schließt sich wieder der Kreis zur Wirtschaft.

Danke für das Gespräch. ■

Foto © Robert Frankl

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