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Geld von den Massen

Geld von den Massen

Crowdfunding als Finanzierung der Zukunft

Niedrigste Zinsen fressen trotz eigentlich nicht so hoher Inflation das kleine Vermögen auf den Sparbüchern der Österreicher auf. Sicherheit hat eben ihren Preis. Wer sein Geld gewinnbringender, damit aber auch riskanter, anlegen will, findet in Crowdfunding-Plattformen eine gute Alternative. Anstatt alles auf eine Karte zu setzen, kann man durch mehrere kleine Beteiligungen das Risiko splitten und dennoch auf Erträge hoffen.Auf der anderen Seiten freuen sich Jungunternehmer und Start-ups über Finanzierungsmöglichkeiten, weil sie von Banken derzeit und wohl auch künftig kein Geld erwarten dürfen.So funktioniert’s: Auf einer Website treffen sich potenzielle Investoren und Unternehmen. Sie tauschen Informationen aus und schließen standardisierte Verträge ab. Im einen Fall (etwa bei Kickstarter) erhält der Investor danach das Produkt, das der Unternehmer entwickeln will. Im anderen Fall erhält der Gründer das Kapital von vielen Investoren, meist ohne dass Mitsprache abgegeben wird.Die Plattformen erhalten für das Sammeln der Investments ein paar Prozent als Bonus. Bei Kickstarter sind es fünf Prozent, die aber nur dann fällig werden, wenn das selbst gesteckte Finanzierungsziel erreicht wurde.In Österreich wären laut Schätzungen des Grazers Reinhard Willfort rund 750 Jungunternehmen pro Jahr ein Fall für das Crowdfunding. „Hinterlegt man eine durchschnittliche Fundingsumme von 100.000 Euro, wären das 75 zusätzliche Millionen für junge Unternehmen“, steckt Willfort den unteren Rahmen des Möglichen ab. Gemeinsam mit KMU-Finanzierungen rechnet er mittelfristig mit bis zu 325 Millionen Euro. Die Bedeutung von Crowdfunding steigt weltweit und könnte schon bald 375 Milliarden Euro betragen. In Österreich gibt es vier größere Plattformen – Willforts 1000×1000.at ist davon die älteste. Das bislang größte Projekt war das iPad-Cover aus Holz von Woodero aus Fohnsdorf, das 167.950 Euro binnen sieben Wochen von 177 Investoren einsammeln konnte. Auf Platz zwei folgt die Sunnybag GmbH aus Graz, die im letzten Herbst auf greenrocket.com 150 Menschen dazu bewegte, insgesamt 157.950 Euro zu investieren. Dass sich die bisherigen Erfolge in Österreich noch in eng gesteckten Grenzen halten, liegt am rechtlichen Rahmen. Crowdfunding ist ein Minenfeld, die Tätigkeit zwischen Bankwesen- und Kapitalmarktgesetz riskant. Nach langem Drängen der Wirtschaft will die Bundesregierung bis Ende März den rechtlichen Rahmen neu abstecken. „Es wäre viel drinnen, nur braucht man Mut“, meint Willfort, der weiß, dass das Thema erst jetzt richtig Fahrt aufnimmt. Seine Plattform hat derzeit 941 registrierte Investoren mit über 8,5 Millionen Euro an verfügbarem Risikokapital. Dem stehen gut 250 Projektanfragen für Finanzierungen mit Wunschbeträgen zwischen 20.000 und drei Millionen Euro gegenüber. Zum Vergleich dazu die bisherige Funding-Summe von 1000×1000.at: 400.000 Euro.

 

Für welche Projekte und Vorhaben eignet sich Crowdfunding am besten?

Reinhard Willfort: Einerseits müssen die Projekte angreifbar, leicht verständlich und kommunizierbar sein. Will man globale Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo nutzen, sollte es auch eine große Ausstrahlungskraft haben. Andererseits funktioniert das auch bei sehr regionalen Projekten – etwa wenn sich Gemeindebürger zusammentun, um ein Photovoltaikkraftwerk zu bauen.

Das steirische Startup Woodero sammelte über Ihre regionale Plattform mehr als 160.000 Euro. Wie viel wäre auf Kickstarter drin gewesen?

Willfort: Wir haben auf 1000×1000.at
begonnen, weil die Gründer ihre Netzwerke in Österreich haben. Wenn jemand nicht gut vernetzt ist, hat er einen enormen Nachteil, da die Sammelaktionen nur sechs bis acht Wochen laufen. Außerdem schließt das eine das andere nicht aus. Woodero könnte jetzt auch auf Kickstarter gehen. Gerade für global absetzbare Produkte bedeutet dies eine enorme Sichtbarkeit. Während sich einige über rechtliche Gedanken wie Anlegerschutz den Kopf zerbrechen, nutzen andere die Chancen bereits.

Wie wichtig ist eine Begleitung, und ab welcher Größe rechnet sich diese? 

Willfort: Sehr wichtig. Wir bieten nicht nur einen sicheren rechtlichen Rahmen, sondern weisen auch auf Fallen hin und helfen bei der Bewerbung. Das muss nicht viel kosten, denn wir tauschen mitunter unsere Dienstleistung mit Risiko, indem wir uns mitbeteiligen.

 

Wie groß ist die Konkurrenz zu Venture Capital oder Business Angels?

Willfort: Gar nicht, denn wir sind eine Ergänzung in der Finanzierung. Ganz am Anfang klafft meist ein Loch, weil von Banken nichts zu erwarten ist. Business Angels sind in Österreich ebenso dünn gesät wie Venture-Fonds. Wenn man eine Crowdfunding-Runde hinter sich hat, bringt man zudem das Vertrauen hunderter Leute mit, das Business Angels in der zweiten Runde schätzen.

 

Wie regelt man viele kleine/winzige Investoren in Gesellschaftsverträgen? 

Willfort: Wenn man alles selbst macht, wird das schnell komplex. Eine Plattform zwischen Investoren und Unternehmern kann das lösen. Sie bestellt einen Treuhänder, was die Transaktionskosten gering hält. Die Genussscheine sind wie kleine Aktien, nur dass sie kein Stimmrecht enthalten, was bei 100 oder 1000 Gesellschaftern ein Problem wäre.

 

Unternehmen müssen dafür sehr früh bewertet werden. Nach welchen Maßstäben macht man das?

Willfort: Das ist das Schwierigste. Der Unternehmer muss einen Vorschlag machen, der sich aus dem Businessplan ergibt. Ob der Preis gerechtfertigt ist, rechnen manche genau nach, andere entscheiden aufgrund der Unternehmerpersönlichkeit aus dem Bauch heraus. Bei einer deutschen Plattform gibt es noch einen Auktionsmechanismus, wo Investoren um Anteile konkurrieren.

 

Was sind Ihre Forderungen an die Bundesregierung? 

Willfort: Beim Beteiligungs-Crowdfunding hat man es zu schnell mit dem Kapitalmarktgesetz zu tun – hier wurde die Prospektpflicht im Vorjahr auf 250.000 Euro angehoben. Das ist eine enorme Erleichterung, denn die Kosten für ein Prospekt verschlingen gut und gerne 50.000 bis 70.000 Euro. Bei Mikrokrediten fällt man zu schnell unter das Bankwesengesetz, sobald man mehr als die Familie und enge Freunde fragt. Wünschenswert wäre eine Anhebung aller Grenzen. Zudem sollte es ein eigenes Crowdfunding-Gesetz geben. Das wäre ein starkes Signal, denn hier und da ein wenig in anderen Gesetzen zu flicken, bringt wenig Sichtbarkeit für das Thema.

 

Rechnen Sie damit, dass danach viele steirische Jungunternehmer das nutzen können? 

Willfort: Einen Boom wird das nicht auslösen, denn Österreich ist immer noch ein Land der Bausparer. Was wir bräuchten, wäre neben besseren Regeln auch eine Aufklärungskampagne. Staudinger hat für viel Wirbel gesorgt, aber der Sache womöglich auch ein wenig geschadet. Viele sind nun der Meinung, dass es etwas Illegales wäre.

 

Reinhard Willfort

„Der Grazer Reinhard Willfort gründete mit 1000×1000.at die Crowdfunding-Plattform. Er ist außerdem Mitglied im
European Crowdfunding Network.“

Reinhard Willfort,
1000×1000.at

Fotos © thingamajiggs – Fotolia & © 1000×1000.at

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