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"Neun sind oft acht zu viel"

„Neun sind oft acht zu viel“

Wie gut steht die steirische Wirtschaft da? Welche Probleme könnten auftauchen? Was kann die Politik zu künftigem Wachstum beitragen? Der Volkswirt Gottfried Haber spricht offen an, woran es in der grünen Mark hapert, verteilt aber auch viel Lob für das, was gut läuft.

Herr Professor, wie steht es um die heimische Wirtschaft?
Haber: Wir sind nicht vom Rest Europas abgekoppelt, wenngleich wir etwas besser dastehen. Die Krise ist noch nicht vorbei. Für Anfang 2014 gibt es starke Anzeichen für ein Ende der Rezession im Euro-Raum. Allerdings ist alles noch sehr fragil. Ein unvorhergesehenes Ereignis wie etwa die Zypernkrise 2013 könnte immer für einen Rückschlag sorgen.

Gibt es Spezifisches für die Steiermark?
Haber: Ja. Der für die Steiermark wichtige Automobil-Cluster hat derzeit besonders zu kämpfen. Insbesondere nach der Verschrottungsprämie in Österreich und Deutschland ist der Automarkt gesättigt, und in der Krise werden weniger Fahrzeuge gekauft. Beides lässt derzeit Autohersteller in ganz Europa schwitzen. Weil die Steiermark stark auf das Auto konzentriert ist, macht sie das anfälliger für konjunkturelle Schwankungen. Dazu kommt noch die engere Vernetzung mit den Ländern des Balkan, um deren Wirtschaft es auch nicht gut steht.

Auf welche Stärken sollten die Steirer bauen?
Haber: Eine Stärke ist definitiv die Clusterbildung und der damit verbundene Wille zur Zusammenarbeit. Die steirischen Cluster haben zudem eine kritische Größe, die anderswo fehlt. Das ist eine sehr gute Voraussetzung für die Zukunft, die weiter gestärkt gehört.

Auch andere starke Branchen machen die Steiermark schwankungsanfälliger als andere Bundesländer.
Haber: Das stimmt, die Steiermark ist sehr anfällig für konjunkturelle Höhen und Tiefen. Extrem merken das die Halbleiterhersteller wie NXP oder AMS. Sie spüren aber den kommenden Aufschwung als Erste.

Die Steiermark nimmt auch den Spagat zwischen Umwelt- und Hightechland. Eine weitere Stärke?
Haber: Es ist eine sehr gute Ergänzung. Einerseits zukunftsträchtige Hightech und andererseits wirkt das lange gepflegte Image der Steirer als grüne Mark sehr positiv auf das Klima. Das hilft zweifelsohne dem Tourismus, und biologisch hochwertige Produkte – von Äpfeln über Kürbisse bis zum Wein – werden auch in Zukunft stark gefragt sein.

Wie beurteilt man aus der Ferne die Bemühungen zur Verwaltungsreform?
Haber: Sehr positiv. Die Steirer sind hier wegweisend für den Rest Österreichs und haben sich damit nach vorne katapultiert. Auch wenn es manchmal Rückschläge gibt, müssen die Strukturreformen weitergehen. Die Politik darf nur ja nicht am halben Wege stehenbleiben und sollte vielleicht sogar noch einen Schritt weiter gehen als ursprünglich geplant.

Ao.Univ.-Prof.MMag.Dr. Gottfried Haber, Foto: © Helge Bauer

Ao.Univ.-Prof.MMag.Dr. Gottfried Haber

Zur Person

Gottfried Haber ist Professor für Volkswirtschaft an der Donauuniversität Krems, wo er den Forschungsbereich Wirtschafts- und Finanzpolitik leitet. Haber gilt als viel gefragter und profunder Kommentator zu wirtschaftspolitischen Themen in Österreichs Medienlandschaft. Darüber hinaus berät er die Regierungen in Österreich, Slowenien oder El Salvador und die Weltbank. Auch die EU holt bei Projekten immer wieder seinen Rat ein.

Wie wirkt sich das auf die Wirtschaft aus?
Haber: Derzeit erhält die Politik dafür erst Vorschusslorbeeren. Die konkreten Auswirkungen müssen sich erst einstellen. Durch effizientere Strukturen wird Steuergeld künftig besser eingesetzt. Konsolidierung als Selbstzweck hilft aber recht wenig. Wir brauchen schnellere und effizientere Wege für Unternehmer. Betriebsanlagengenehmigungen, Umweltverträglichkeitsprüfungen oder Baubewilligungen brauchen auf ihrem Weg durch Österreichs Bürokratie viel zu lange. Damit Investitionen nicht in andere Regionen fließen, muss den Strukturreformen eine Verwaltungsreform folgen, die ihren Namen auch verdient. Das bedeutet übrigens nicht, dass Umweltauflagen laxer werden müssen. Die Prüfungen müssen bei gleich hohen Standards deutlich beschleunigt werden.

Damit ist die Steiermark aber alleine überfordert.
Haber: Genau. Es gibt in Österreich neun Bauordnungen und auch sonst viel zu viele Unterschiede in den Regelwerken der Bundesländer. Neun unterschiedliche Gesetze sind oft acht zu viel. Man muss in vielen Bereichen vereinfachen und harmonisieren.

Unternehmer klagen oft über zu viele Regeln. Wie viel Regulierung verträgt die Wettbewerbsfähigkeit einer Region überhaupt?
Haber: Grundsätzlich verträgt eine wettbewerbsfähige Wirtschaft schon Regeln. Sie müssen aber klar sein und dürfen nur den Rahmen abstecken, in dem sich Initiativen entwickeln können.
Je mehr Regeln es gibt, umso schwieriger sind sie einzuhalten und umso mehr stören sie den Wettbewerb.

Aber gibt es derzeit nicht gerade einen Regulierungswahn?
Haber: Im Zuge der Wirtschaftskrise riefen immer mehr Leute nach immer strengeren Regeln. Ich bin der Meinung, dass man in manchen Bereichen weniger Regeln braucht. Diese müssten dann aber klarer definiert sein und strenger exekutiert werden. Ein gutes Beispiel für zu viele und zu unterschiedliche Regeln sind die vielen Sozialversicherungen. Man muss sich fragen, wa-rum es hier überhaupt so viele Unterschiede gibt und ob man nicht mit weniger auskommen könnte.

Bleiben wir bei der Politik. Was denkt ein Volkswirt, wenn Politiker hunderttausende neue Jobs versprechen?
Haber: Das beginnt schon bei der Frage: Wie zählt man Jobs überhaupt? Sind das Vollzeitäquivalente? Werden Unternehmer und Ein-Personen-Unternehmer mitgezählt? Grundsätzlich bin ich da skeptisch. Politiker schaffen keine Jobs, das machen Unternehmerinnen und Unternehmer. Bund und Länder sollen sich darauf konzentrieren, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die da wären?
Haber: Die Wirtschaft braucht gut und richtig qualifizierte Arbeitnehmer. Es braucht eine positive Grundstimmung. Initiativen von Unternehmern gehören ebenso gefördert wie die Cluster in der Steiermark weiter vertieft. Vertrauen gehört gestärkt.

Kann falsche Politik auch schaden?
Haber: Absolut, und das kann messbar Jobs kosten. Wie das geht, sieht man gerade bei unseren Nachbarn in Ungarn. Dort hat es Premierminister Viktor Orbán geschafft, viel Vertrauen aus der Wirtschaft zu nehmen. Wer sein Geld investieren möchte, macht dies derzeit sicher nicht in Ungarn.

Ihre Aussichten für die Steiermark und ihre Wirtschaft?
Haber: Die sind gar nicht schlecht. Vor allem die dynamische Forschungslandschaft mit ihren vielen Einrichtungen zieht viele hochqualifizierte Leute an. Auch aus Kärnten, was aber dort für Probleme – Stichwort: Braindrain – sorgt. Technologiegetriebene Branchen profitieren davon besonders, und sie müssen weiter zusammenwachsen und Know-how von Forschungseinrichtungen in die Wirtschaft leiten.

 

Fotos © Helge Bauer

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